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(Foto: Thewalt)

01.07.2011

Mehr Freiheit und Zufriedenheit


Dieser Text ist vom 01.07.2011 und könnte inhaltlich veraltet sein.

Jung-Unternehmerinnen berichten von ihren Erfahrungen mit der Selbstständigkeit

Der Begriff Frauenpower wird in diesen Tagen auf ganz besondere Weise mit Leben gefüllt. Millionen Fußballfans fiebern mit den Sportlerinnen, die sich über das geschickte Versenken des „Runden im Eckigen“ ihren Traum vom großen Titel, oder zumindest von einem vorderen Platz, erfüllen wollen.

Auch auf anderen Spielfeldern sind Frauen auf dem Vormarsch. So gingen 2009 in Rheinland-Pfalz 31,9 Prozent aller Firmen-Neugründungen auf das Konto von Frauen. 31,2 Prozent betrug die Quote im gleichen Jahr im Zuständigkeitsbereich der Industrie- und Handelskammer Trier. Das Gros der Frauen macht sich nach Auskunft von Raimund Fisch, bei der IHK Trier tätig im Bereich „Unternehmensförderung, Start- und Krisenberatung, Finanzierung“, auf dem Sektor Gesundheits- und Sozialwesen selbstständig. Darüber hinaus zählten der Dienstleistungsbereich sowie die Gastronomie zu den Gebieten, auf denen die Mehrheit der Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit wagten.

Den Vormarsch der Frauen auf diesem Gebiet sieht auch Dr. Madeleine Durand-Noll, seit mehr als 20 Jahren selbstständige Management- und Marketingberaterin in Cochem. Gleichwohl relativiert sie die Zahl: „Nach der Statistik ist jede dritte Existenzgründung von einer Frau unternommen. Allerdings betreiben die meisten ihre Selbstständigkeit im Nebenerwerb.“ Einig ist sich Dr. Durand-Noll mit Raimund Fisch in der Einschätzung, was die Unterschiede zwischen Männern und Frauen betrifft, die eine Existenzgründung anstreben.

FRAUEN BEREITEN SICH GRÜNDLICH VOR
So beobachten beide eine andere Herangehensweise bei vielen Frauen. „Wenn sich Männer zu 80 Prozent auf die Selbstständigkeit vorbereiten und dann mit ihrem Projekt loslegen, tun Frauen dies zu 120 Prozent“, beschreibt die Beraterin. „Sie sind in der Regel besser vorbereitet und sehr viel vorsichtiger, bedachter.“ Anders als Männer versuchten sie, das finanzielle Risiko beziehungsweise Investitionen zum Start so gering wie möglich zu halten. „Das hat nichts damit zu tun, dass Frauen keine entsprechenden Kredite bekommen würden. Ihre Chancen bei den Banken sind die gleichen wie für Männer.“

„Frauen gehen akribischer mit ihrem Vorhaben um als Männer“, sagt auch Fisch. „Sie kommen mit einem Fragenkatalog und arbeiten Punkt für Punkt ab.“ Eine gewisse Zögerlichkeit stellt auch er häufig fest: „Viele überlegen nach der Beratung, ob sie den Schritt wirklich tun sollen und prüfen nochmal, ob es nicht einen Punkt gibt, den sie nicht bedacht haben. Und sie versuchen, sich mit möglichst wenig Geld selbstständig zu machen.“

UMZUG ALS CHANCE FÜR NEUSTART
Etwas gewagt haben die fünf Frauen, die wir zu ihren Beweggründen und Erfahrungen mit dem Schritt der Selbstständigkeit befragt haben. Katharina Seigert hat eine private Veränderung genutzt, um in Trier „ihr eigenes Ding“ zu starten. Seit August vergangenen Jahres ist die gebürtige Erfurterin mit dem „atelier Katharina Seigert“ selbstständig und organisiert Veranstaltungen für Firmen und Privatpersonen. Mehr als zehn Jahre hat die heute 33-Jährige mit der Ausbildung zur staatlich geprüften Internationalen Tourismusassistentin und einem Studium zur staatlich geprüften Betriebswirtin für Tourismus zuvor Berufserfahrung gesammelt – zunächst in einer klassischen Eventagentur, anschließend bei einem Spezialisten für Geschäftsreisedienstleistungen.

Der Gedanke, sich eines Tages selbstständig zu machen, sei „eigentlich schon immer da gewesen“, erzählt Seigert. „Ein 14- bis 16-Stunden-Tag war in meiner Angestellten-Zeit durchaus üblich, man verdient recht wenig. Mit meiner eigenen Firma kann ich meine Arbeitskraft selbst einteilen. In punkto Kreativität und Flexibilität bin ich frei und unterliege keinen etwaigen firmenpolitischen Zwängen“, begründet sie ihre Motivation.

Nachdem sie ihren Lebensgefährten aus Trier kennenlernte, entschloss Katharina Seigert sich, von Lörrach zu ihm nach Trier zu ziehen. „Ich habe mich umgehört, den hiesigen Markt geprüft und die Chance genutzt, mich selbstständig zu machen.“

Mit verschiedenen Freelancern, mit denen sie in ihrer Angestellten-Zeit zusammengearbeitet hatte, habe sie sich im Vorfeld ausgetauscht. „Zudem habe ich sehr viel gelesen, mir Informationen über die Arbeitsagentur beschafft und mir Unterstützung durch einen Unternehmensberater geholt, der auf Existenzgründungen spezialisiert ist.“

Betriebswirtschaftlich vorgebildet zu sein, empfindet sie als klaren Vorteil. „Trotzdem erwies sich als sehr hilfreich, einen Berater unterstützend hinzu zu ziehen – zum Beispiel beim Erstellen des Zahlenwerks für den Businessplan, den ich der Arbeitsagentur für meinen Antrag zum Gründungszuschuss vorlegen musste.“ Die größte Hürde während der Vorbereitungsphase sei für sie gewesen, „durch den Bürokratiewust durchzusteigen, alle Infos zusammenzutragen und sie zu bündeln“.

Bei ihrem Bemühen, sich einen Kundenstamm aufzubauen, helfe der Jung-Unternehmerin ihr Netzwerk aus früherer Zeit. „Derzeit mache ich noch viel Kongressbegleitung für Pharmafirmen. Mittelfristig möchte ich mein Leistungsprofil von der Hochzeitsorganisation über Workshops bis hin zu Incentive-Veranstaltungen für Firmen erweitern.“

An ihrer Entscheidung, das Angestelltenverhältnis gegen die Selbstständigkeit einzutauschen, habe sie keine Sekunde gezweifelt. „Ich weiß nicht, ob ich den Schritt gewagt hätte, wenn es keine Änderungen in meinem Privatleben gegeben hätte. Aber rückblickend stelle ich fest, dass ich die Selbstständigkeit brauchte und wollte. Ich liebe die Unabhängigkeit und empfinde heute eine ungeheure Freiheit.“

SELBSTSTÄNDIGKEIT VERSCHAFFT FREIHEIT
 
Tanja Kracht ist jetzt Chefin des Pflegedienstes
Tanja Kracht ist jetzt Chefin
des Pflegedienstes "ambu-
lant
Eifel" in Kelberg.

Ein ähnlich positives Fazit zieht auch die 38-jährige Tanja Kracht. Seit Februar 2010 ist die examinierte Krankenschwester und ausgebildete Pflegedienstleiterin Chefin des von ihr gegründeten Pflegedienstes „ambulant Eifel“ in Kelberg. Auch bei ihr gärte der Wunsch, sich selbstständig zu machen, bereits seit langer Zeit. Schon in der Ausbildung habe sie mit dem Gedanken gespielt, zunächst jedoch Berufserfahrung sammeln wollen. Nach einigen Jahren im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz sowie im Krankenhaus in Adenau folgte eine etwa vierjährige Pause für ihre beiden, damals noch kleinen Töchter. Nach anschließenden zwei Jahren bei einer DRK-Sozialstation in der Eifel befasste sich Kracht intensiv mit den Fragen „Wo will ich hin, und wie will ich meine Zukunft gestalten?“ Wichtig sei für sie die Auseinandersetzung und Begleitung durch ihren Mann, selbstständiger Unternehmensberater und Trainer, gewesen. „Mein Mann hat mich von Anfang an zu 100 Prozent unterstützt und die vorgeschriebene Ausbildung zur Pflegedienstleiterin und alle übrigen Schritte mitgetragen.“

Die Standortfrage für ihre Unternehmung sei rasch geklärt gewesen. „Wir wohnen in Kelberg, und hier gab es noch keinen ambulanten Pflegedienst.“ Als glücklicher Zufall stellte sich heraus, dass direkt im Nachbarhaus etwas frei wurde, wo sich Tanja Kracht ihr Büro einrichten konnte.

Ein „wahnsinniger Aufwand“ sei die Vorbereitung der Selbstständigkeit gewesen. „In unserem Bereich sind unheimlich viele Voraussetzungen zu erfüllen, damit man die Zulassung bei den Krankenkassen bekommt. Hinzu kam eine Gesetzesänderung zum 1. Januar 2010, nach der keiner mehr richtig Bescheid wusste und es äußerst mühsam war, die notwendigen Informationen zusammen zu sammeln.“

ES MACHT EINFACH ZUFRIEDEN
Mit die größte Herausforderung sei gewesen, die gesetzlich vorgeschriebenen Vollzeitkräfte zu finden. „Meine Mitarbeiter müssen zu mir und meinem Anspruch passen. Sie müssen nicht nur fachlich qualifiziert, sondern auch sehr nett und kommunikativ sein.“ Ein „riesiger Akt“ sei auch die Büroarbeit und das gesamte Abrechnungswesen. Eine weitere bleibende Herausforderung sieht Kracht als Mutter einer 13- und einer 15-jährigen Tochter darin, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Dennoch: Ihre Selbstständigkeit würde sie um keinen Preis aufgeben wollen. Und das nicht nur, weil ihr Unternehmen „wahnsinnig an Fahrt aufgenommen hat“, wie Tanja Kracht sagt. „Die Selbstständigkeit gibt mir Freiheit, macht wahnsinnig viel Spaß, macht mich zufrieden und füllt mich aus.“

Rundum glücklich mit ihrer Entscheidung ist auch Ramona Kleifges. Die 26-jährige gelernte Friseurin und Industriekauffrau hat am 1. Juli 2010 ein Sonnenstudio in Speicher übernommen. Während ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau habe sie dort bereits an den Wochenenden ein Praktikum gemacht und Gefallen an dem Bereich gefunden. „Als meine Vorgängerin aufhören wollte, hatte ich plötzlich innerhalb von zwei Wochen ein Angebot vorliegen und musste mich entscheiden. Im ersten Moment war ich etwas überfordert, dann habe ich die Chance genutzt.“

Glücklich und zufrieden ist Ramona Kleifges mit der Übernahme eines Sonnenstudios in Speicher.
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Kleifges mit der
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Unterstützung habe sie durch einen befreundeten Steuerberater, einen Fachmann von der IHK Trier sowie durch die Arbeitsagentur erfahren. Dort hat Kleifges einen Gründungszuschuss, über die Bank und ihren Vermieter Kredite erhalten. Der Gedanke an die Investitionen verschaffe ihr gelegentlich durchaus mal einen kurzen Stress-Moment. Gleichwohl sagt sie: „Der Kick ist ja gerade, zu sehen, ob man es schafft.“

Positive Anzeichen dafür hat die junge Unternehmerin jedenfalls bereits jetzt: Die bestehende Kundendatei hat sie von 335 auf derzeit 720 hochgefahren. Ihr Rezept: „Ich liebe meine Arbeit, viele Kunden vertrauen sich mir in Gesprächen an. Über andere Wege hier in Speicher weiß ich, dass positiv über meine Firma gesprochen wird.“ Auf Qualität und Beratung lege sie Wert und schaue nicht auf die Uhr.

Dass es als Existenzgründerin gar nicht so einfach ist, sich immer zu behaupten, erfährt Ramona Kleifges durchaus. „Bei manchen Vertretern muss man sehr um den Respekt kämpfen. Deshalb setze ich auf Fachkenntnis, beschäftige mich mit jedem Gerät und jeder Technik, damit mir niemand etwas vormachen kann.“ Viel Ehrgeiz, Einsatz und Ellenbogen sind nach ihrer Einschätzung gerade als Frau notwendig, um sich im Geschäftsleben zu behaupten.

Dass sie seit einem Jahr keinen Tag Urlaub gemacht hat, schert Kleifges wenig: „Das ist normal. Gerade im ersten Jahr muss man reinhauen. Ich habe ja trotzdem die Freiheit, mir alles so einzuteilen, wie es passt.“

Immerhin zu zweit organisieren können sich die beiden gleichberechtigten Geschäftspartnerinnen Karina Blumentritt und Stefanie Meeth. Seit Mitte März betreiben sie das „Eventcafé“ im Manderscheider Kurhaus. Acht Jahre haben die beiden zuvor zusammen in der Jugendherberge gearbeitet. Nachdem das Kurhaus in den vergangenen Monaten großzügig renoviert worden war und die Stadt einen neuen Pächter für das Café suchte, wurden die beiden Frauen hellhörig.

Als aufregend im positiven Sinne empfinden Karina Blumentritt (re) und Stefanie Meeth ihre Selbstständigkeit.
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Sinne empfinden Karina Blu-
mentritt (re) und Stefanie
Meeth ihre Selbstständigkeit.


„Die Idee und das toll renovierte Objekt haben uns gereizt, nachdem hier in Manderscheid ein gastronomischer Betrieb nach dem anderen schließt und wir einen echten Bedarf sehen“, erzählt Karina Blumentritt. Ein dreiviertel Jahr Vorbereitung sowie rund 16 000 Euro hätten die Frauen investiert. „Offizielle Hilfe“, etwa durch einen Unternehmensberater, hätten sie nicht beansprucht. Ein Bekannter, der Anwalt ist, habe zur Seite gestanden.

„Zäh“ fand Stefanie Meeth die Verhandlungen mit der Bank, und beim Erstellen des Businessplans für den beantragten Gründungszuschuss sei sie sich vorgekommen, als wenn sie eine Doktorarbeit verfasst hätte.

Als „aufregend“ im positiven Sinne empfinden die beiden nach wie vor den Start ihrer Existenzgründung. Routine habe sich noch nicht eingestellt. Das Konzept des Frauenduos mit täglichem Frühstück, einer Imbisskarte für mittags und abends sowie hausgebackenem Kuchen am Nachmittag auf der einen und diversen Veranstaltungen auf der anderen Seite werde gut angenommen. „Man muss an der eigenen Idee festhalten, Durchhaltevermögen aufbringen und selbstverständlich gerne für Gäste da sein“, beschreibt Blumentritt ihre Überzeugung. Stefanie Meeth sagt: „Man muss bereit sein, viel zu arbeiten.“ Während ihre 50-jährige Geschäftspartnerin bereits Mutter zweier erwachsener Kinder ist, sind Meeths Kinder erst zwölf und 15 Jahre alt. „Ich achte darauf, dass wir die wenige Zeit, die wir als Familie zusammen haben, gut nutzen“, sagt die 42-Jährige.

Für ein mittelfristiges Ziel sei es derzeit noch zu früh. Dass das „Eventcafé“ auch weiterhin gut angenommen wird, hat für beide derzeit oberste Priorität.

  • Blickpunkt Wirtschaft

    Ausgabe: Juli 2011
  • Autor
    Foto: Susanne Rendenbach

    Susanne Rendenbach

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