In manchen Dörfern – Kirchweiler oder Hinterweiler bei Daun beispielsweise – verbinden die Internetnutzer mit dem Begriff Surfen nicht unbedingt die leichte und elegante Rasanz des Reitens auf den Datenwellen, sondern die Schwerfälligkeit einer römischen Holzgaleere, die gegen den Strom ankämpft. Vertrauteste Anblicke auf dem Bildschirm sind Eieruhr und Ladebalken, die in Bewegungslosigkeit verharren. Wer einen Fernsehbeitrag verpasst hat und ihn im Internet nachholen will, kann Politiker und Moderatoren alle paar Sekunden in den seltsamsten Gesten und in skurriler Mimik erstarrt bewundern. Dieser sogenannte Puffer bringt immerhin einen realsatirischen Unterhaltungseffekt mit sich. Uploads von Fotos oder Videos sind mehr oder weniger unmöglich, was ein wirksamer Beitrag zum Schutz der Privatsphäre sein kann. Nur: Nicht jeder Nutzer in einem unterversorgten Dorf hat so viel Humor und Nostalgie, um sich darüber zu freuen. Vor allem wer beruflich oder für die Ausbildung schnelles Internet braucht, ist dann ernsthaft abgehängt.
DIGITALE NOT BRAUCHT BEHARRLICHKEIT
Überall in den ländlichen Gebieten gibt es daher Bemühungen, aus dem digitalen Dornröschenschlaf zu erwachen. Zum Beispiel in Greimerath im Hochwald. „Eine gute Breitbandversorgung ist für uns auch dann notwendig, wenn kein Gewerbe davon abhängt“, sagt Ortsbürgermeister Edmund Schmitt. „Faktisch gehört sie längst zum Lebensalltag der Menschen, sie wird auch privat gebraucht.“ Denn selbst mit ansonsten vergleichsweise intakter Infrastruktur – Greimerath verfügt über eine Fleischerei, eine Bäckerei, eine Schule und eine Kita: Ohne schnelles Internet sinken die Werte der Immobilie, da sich in unterversorgten Orten niemand ansiedelt. Neubaugebiete bleiben verwaist, bestehende Immobilien finden weder Mieter noch Käufer.
„Bislang war die Versorgung sehr schlecht“, schildert Schmitt den langjährigen Status Quo, der sich allerdings in diesen Wochen ändern wird. Die Daten schlichen mit nur 200 bis 300 kBit/s in die Greimerather Haushalte, denn der nächste Glasfaser-Kabelstützpunkt liegt in Zerf – zu weit entfernt. Zum Vergleich: Die Internationale Fernmeldeunion definiert Breitband als eine Datenübertragungsrate von mindestens 2048 kBit/s. Darauf beruhen auch die Definitionen des Statistischen Bundesamts und der Weltbank. Die Maßzahl ist Indikator für die technologische Entwicklung einer Region.
Mit ihren bescheidenen Versorgungswerten war die Gemeinde Greimerath ganz klar förderfähig, ein Antrag auf Landeszuschüsse wurde bereits vor gut einem Jahr bewilligt. Allein: Die Obergrenze für die Zulässigkeit der Investition beträgt gemäß den Förderrichtlinien maximal 200 000 Euro, aber die Greimerather erhielten ausschließlich Angebote für mehr als 300 000 Euro. „Also funktionierte die Finanzierung nicht. Eine Eigenleistung konnten wir jedoch auch nicht erbringen. Die Konsequenz: Wir haben nochmals ausgeschrieben“, erzählt der Ortsbürgermeister. Die Beharrlichkeit machte sich bezahlt: Nunmehr gab es vier Anbieter, die unter 200 000 Euro blieben. Die luxemburgische SES Astra entpuppte sich als der günstigste Anbieter und stellt nun drei Empfangs- und drei Sendestationen. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Nachfrage den Aufwand rechtfertigt“, sagt Schmitt, „denn in einer Bürgerversammlung haben sich bereits neunzig Interessenten gemeldet. Auf Dauer wird wohl jeder Haushalt das schnelle Internet nutzen.“
GEGENPOL ZUR DEMOGRAFISCHEN ENTWICKLUNG
In der Tat hängen der Versorgungsgrad mit schnellem Internet, die Nachfrage der Nutzer und die Demografie engstens zusammen, wie Thomas Jüngling vom Breitband-Projektbüro des rheinland-pfälzischen Ministeriums des Inneren, für Sport und Infrastruktur erläutert. Er ist einer von insgesamt drei regional zuständigen Breitbandberatern, die Kommunen, Wirtschaftsförderern und Stadtwerken im ganzen Land mit Rat und Tat zur Seite stehen. Thomas Jüngling ist für den nördlichen Teil von Rheinland-Pfalz zuständig. „Wir haben in Rheinland-Pfalz noch immer einen extrem kleinteiligen Flickenteppich, was die Breitbandversorgung betrifft. Von 100 Mbit/s bis zum völligen Fehlen einer kabelgebundenen Lösung ist alles drin.“ Die Unterversorgung – hiervon spricht man, wenn mehr als fünf Prozent der Haushalte in einer Kommune auf weniger als 2 Mbit/s im Download zurückgreifen können – betreffe jedoch nicht nur das eigene Bundesland, sondern alle ländlichen Räume in Deutschland. „Der Grund ist in solchen Regionen die geringe Nachfrage. Oft sind nur eine Handvoll Haushalte eines Dorfes bereit, für eine bessere Versorgung auch höhere Tarife zu zahlen. Kommt dann noch die demografische Entwicklung mit dem weiteren Ausdünnen der Bevölkerung auf dem Land hinzu, dann rechnet sich für die Anbieter bisweilen nicht einmal mehr der Unterhalt des Netzes geschweige denn der Ausbau.“
Jüngling bestätigt, dass der Breitbandausbau auch aus Sicht des Infrastrukturministeriums einer der wichtigsten Standortfaktoren ist. Auch hinke beispielsweise die Region Trier nicht hinterher, was die Versorgungszahlen bestätigen. Sie werden unabhängig vom TÜV Rheinland erhoben. Bis auf einzelne Stadtteile (zum Beispiel Zewen) ist Trier in Summe durch Anbieter wie Kabel Deutschland und die Telekom (kabelgebunden), aber auch durch die LTE-Technik sogar sehr gut versorgt. Für die bis dato schlechter versorgten Stadtteile ist ebenfalls bereits eine Lösung im nächsten Jahr in Sicht. Auch Leuchtturmprojekte in kleinen Gemeinden wie Niederbettingen bei Hillesheim oder Gees bei Gerolstein in der Vulkaneifel zeigten, dass sich viel tut. In Gees etwa sollen die anstehenden Straßenbaumaßnahmen genutzt werden, um in den kommenden Jahren Glasfaser bis fast in jedes Gebäude zu legen. Geschehen ist dies bereits in Niederbettingen, auf Initiative eines einzelnen großen Landwirts. „Es steht und fällt mit dem Engagement der Verantwortlichen und der Bürger vor Ort!“ An diesem Punkt setzt auch Jüngling an. Er klärt auf und informiert vor Ort, welche Technik für eine Breitbandoptimierung in der jeweiligen Kommune sinnvoll sein kann und welche Fördermöglichkeiten es gibt. Anschließend begleitet er die Kommune auf ihrem Weg zum Ziel. Während der Umsetzungsphase steht er den Kommunen vor Ort zur Seite.
VERSORGUNGSLÜCKEN GELTEN OFT NICHT ALS MARKTVERSAGEN
Die Hürden einer Förderung im Bereich des Breitbandausbaus skizziert Jüngling: Eine Förderung sei nur bei einem dokumentierten Marktversagen zulässig was wiederum durch die EU-Kommission sehr genau beobachtet werde, um Wettbewerbsverzerrungen auszuschließen. Die Resonanz auf viele Bürgerbefragungen bringe überdies zu Tage, dass oft eben kein Marktversagen vorliege. „Bei erkennbarem Bedarf können Gemeinden, die gern eine bessere Versorgung hätten, ein nicht-förmliches Interessenbekundungsverfahren einleiten und bei den Netzbetreibern die Möglichkeiten eines kostenneutralen Ausbaus abfragen.“
Hat eine Gemeinde ein Gewerbegebiet, kommt der Breitbandversorgung noch mehr Bedeutung zu. „Neue Industriegebiete sollten nur dort ausgewiesen werden, wo es schnelles Internet gibt beziehungsweise eine Glasfasertrasse in Reichweite liegt“, lautet Jünglings Appell. In vielen Orten jedoch musste nachgebessert werden: In Reinsfeld, Schillingen, Wintrich, Boxberg, Üxheim oder Wallenborn wurde die Optimierung bereits abgeschlossen, sodass die angesiedelten Unternehmen profitieren und neue mit dem Angebot gelockt werden können. In Bernkastel-Andel, Oberstadtfeld, Herforst, Sehlem und Esch geht es derzeit zur Sache. Wie sehr die Breitband-Versorgung über das wirtschaftliche Wohl und Wehe einer Kommune oder eines Unternehmens entscheidet, illustrieren zwei Beispiele aus der Region Trier: Landscheid-Niederkail und Kyllburg.
GLOBAL PLAYER OHNE INTERNET?
In Landscheid-Niederkail (VG Wittlich-Land) drohte der größte Betrieb gar mit Abwanderung: Der weltweit agierende Hersteller von hochwertigen Küchenhelfern, die Börner GmbH, vertreibt ihre Produkte teils über einen Online-Shop. Zudem ist die Verbindung zu den Vertrieblern in Osteuropa, Asien oder Südamerika angewiesen auf eine gut funktionierende Kommunikation auch via Skype. Doch zum nächsten Knotenpunkt fehlten zwei Kilometer. Als sich das Unternehmen vor rund vierzig Jahren am Ortsrand des Dorfes niederließ, waren günstige Grundstückspreise ein wichtiges Argument – heute wäre es das superschnelle Internet. Monatelang suchte Geschäftsführer Wolfgang Elsen, der den Traditionsbetrieb 2012 übernahm und ihn aus einer existenziellen Krise führte, nach kostengünstigen Lösungen – zunächst vergeblich. „Wir schaffen hier jede Menge Arbeitsplätze. Wenn sich nichts ändert, müssen wir nach Trier umziehen“, kündigte er noch im September an. Dort im Wissenschaftspark arbeiten bereits fünf Beschäftigte des Unternehmens. Auch der Einsatz von Bürgermeister Ewald Heck, der bei der Telekom um Klärung bat, blieb lange ohne Wirkung.
Erst ein kritischer Medienbericht brachte die Dinge ins Rollen. „Danach hatten wir sehr viele Anrufe von Internetfirmen, aber auch von der Telekom“, schildert Beate Zirbes, Assistentin der Geschäftsleitung, die Entwicklung. „Nunmehr haben wir mit ihr einen Vertrag über eine Standleitung. Die ist seit Mitte Dezember fertiggestellt, so dass wir eine konstante Internetverbindung von 10 Mbit/s haben.“ Dafür fallen eigens monatliche Gebühren an. „Da wir auf das schnelle Internet angewiesen sind, blieb uns nichts anderes übrig“, so Zirbes. Immerhin: Die Versorgung ist hergestellt und der Standort gesichert.
DAS DIGITALE GLÜCK IM "SILI-KYLL-VALLEY"
Geradezu Glückgefühle bescherte jüngst ein ungeahnter Zugang zum megaschnellen Internet den Entscheidern und Kommunalpolitikern von Kyllburg im Eifelkreis. Von Badem über die Kyll bis nach Malberg – also quer durch die Stadt – führt seit 2009 ein Glasfaserkabel, das angeblich nur für private Zwecke nutzbar war. Dies stellte sich nun als Irrtum heraus. Bürgermeister Wolfgang Krämer schwärmt seitdem sogar vom „Sili-Kyll-Valley“, denn das für jeden zugängliche Glasfaserkabel erlaubt Gewerbetreibenden eine Nutzung ab 34 Mbit/s. „Nach oben sind kaum Grenzen gesetzt. Höchstleistungsinternet mit über 2 000 Mbit/s, also 2 Gigabit, sind einfach realisierbar“, betont auch Dietmar Wolf, der sich in der Leerstandsoffensive Kunst-Kultur-Kyllburg engagiert. „Kyllburg hat damit Weltstandard und einen erheblichen Standortvorteil.“ Die Kapazität der Leitung ist für Up- und Download symmetrisch.
Damit will die Stadt vor allem Firmen der Kreativwirtschaft oder aus der technischen Forschung anlocken. Die benötigen derartige Volumina, um ihre Daten mit Auftraggebern, Kunden oder Geschäftspartnern auszutauschen. Ein preiswertes Vergnügen ist das rasante Internet für Gewerbetreibende mit 1 200 Euro aufwärts monatlicher Gebühren plus einmaliger Anschlussgebühren von 500 Euro nicht, dennoch ist das Glasfaserkabel aus Sicht des Bürgermeisters so wertvoll wie eine Ölquelle. Denn Kyllburg, das durch viele leer stehende Gebäude und Ladenlokale in der Innenstadt für Schlagzeilen sorgte, kann genau daraus Kapital schlagen. Schließlich ist schnelles Internet mit derartig hohem Standard nirgendwo kostenlos, aber so preisgünstige Immobilien wie in der malerisch und zugleich autobahnnah gelegenen Stadt an der Kyll gibt es selten. Da auch das einstige Luxushotel Eifeler Hof in der Ortsmitte wieder zum Leben erwacht und der Bahnhof in fußläufiger Nähe zur Kernstadt saniert wird, ergibt der komfortable Zugang zum Glasfaserkabel erst recht ein Plus für Unternehmen auf der Suche nach einem Standort mit guten Verkehrs- und Internetverbindungen. Und sind erst attraktive Arbeitsplätze da, so steigt auch die Attraktivität der umliegenden Immobilien.
DER „WILDE WSTEN“ BEKOMMT DIE DATENAUTOBAHN
Kyllburg ist mit seinem Glasfaserkabel auch insofern komfortabel aufgestellt, als dass diese Technologie keinerlei Reaktionszeit mit sich bringt – während Funk oder Satellit mit einer bis 500 Millisekunden Verzögerung funktionieren. „Manche Landkreise wie die Vulkaneifel, die an der bundeswehreigenen Herkulestrasse liegt, haben Glück. Diese sogenannten Backbone-Trassen sind Grundvorrausetzung für eine kabelgebundene Breitbanderschließung“, erläutert Thomas Jüngling.
Weniger Glück hat der Eifelkreis Bitburg-Prüm. Hier ist die kreiseigene Wirtschaftsförderung Ansprechpartner und Koordinator der Breitbandversorgung, während wegen des sehr heterogenen Bedarfs im Vulkaneifelkreis und im Landkreis Bernkastel-Wittlich diese Aufgabe vom Kreis an die Orts- und Verbandsgemeinden übergegangen ist.
„Wir hatten erhebliche Lücken und die schlechteste Versorgungslage weit und breit“, schildert Helmut Berscheid, Wirtschaftsförderer des Eifelkreises, die Ausgangslage. Etwa 150 offiziell unterversorgte Orte gibt es, doch bis 2016 soll die Grundversorgung überall sichergestellt sein. Die Zusage vom Land Rheinland-Pfalz für die Förderung des Ausbaus in 85 Gemeinden liegt vor. Im Rahmen eines Leader-Projektes wurden neun mit größeren Gewerbegebieten versehene Orte bereits ausgebaut: Arzfeld, Weinsheim, Badem, Fließem, Herforst, Sinspelt, Nieder- und Obergeckler. Der Rest wird sukzessive umgesetzt. „Das ist nicht so schnell machbar, das braucht insgesamt mehr als ein Jahr“, sagt Berscheid. „Aber gerade die miserable Ausgangssituation hat sensibel für die Problematik gemacht. Jetzt gelten wir im Land neben Cochem-Zell als Modellkreis und kommen gut voran.“
Der Kreis engagiere sich und finanziere vor, um gemeindeübergreifend günstige Cluster-Lösungen realisieren zu können. „Wir wollen unseren ländlichen Raum nicht aufgeben, daher werden wir flächendeckend schnelles Internet aufbauen. Andernfalls werden junge Familien und erst recht Unternehmen abwandern. Sie müssen hier gehalten werden, denn davon wiederum hängen Handwerksbetriebe, Dorfläden, Kneipen und alles andere ab.“ Eine Bedarfserhebung im Jahr 2011 erreichte mit 20 Prozent die beste Rücklaufquote aller Landkreise und belegte damit auch die Notwendigkeit zu handeln. Jedoch zeigten sich die Provider nicht zum flächendeckenden und eigenwirtschaftlichen Ausbau bereit. Mit anderen Worten: Ohne Förderung lief und läuft nichts.
Entlang der A 60 kann die Erschließung in einem breiten Korridor durch den Anbieter NGN Fiber Network erfolgen. Doch ein weiteres Problem ist, dass es wegen möglicher Frequenzkonflikte mit Luxemburg und Belgien im westlichen Teil des Eifelkreises keinen Ausbau des Mobilfunkstandards LTE mit Kapazitäten von bis zu 300 Mbit/s gibt. Alternativ können für die Versorgung jedoch BOS-Masten genutzt werden. BOS steht für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben und ist ein nicht-öffentlicher mobiler UKW-Landfunkdienst. Hilfe soll es dank Leader geben: Der Naturpark Südeifel wird auch als Naturgenerationen-Park und Instrument der Regionalentwicklung vor den Herausforderungen des demografischen Wandels begriffen.
Der Eifelkreis geht also vor den schwierigen Versorgungsbedingungen nicht in die Knie. Und auch für Kirchweiler und Hinterweiler in der Vulkaneifel naht das digitale Zeitalter. Der saarländische Anbieter Inexio will nun die Einwohner datentechnisch wachküssen.