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01.12.2005

Kunststoff-Branche mit breitem Produktspektrum


Dieser Text ist vom 01.12.2005 und könnte inhaltlich veraltet sein.

Alles Plastik – Betriebe zwischen Globalisierung und Rohstoffteuerung

Die Kunststoff verarbeitende Industrie des Kammerbezirks Trier  ist mit mehreren mittelständischen Betrieben vor allem in der Eifel angesiedelt. Hier teilen Firmen wie ApraPlast, Stelioplast, Börner, elm-plastic, Riku oder Rauschert den vorsichtigen Optimismus des Gesamtverbandes Kunststoffverarbeitende Industrie e.V. (GKV) für die derzeitige konjunkturelle Lage. Doch dessen im Februar 2005 zuletzt aktualisierte Indizes haben die wegen der Wirbelstürme Rita und Katrina und vor allem wohl wegen einer imposanten Spekulationsblase rasant galoppierende Ölpreiserhöhung des Geschäftsjahres 2005 noch nicht berücksichtigt. Das schwarze Gold ist Rohmaterial für die Herstellung der Kunststoffarten, die für Automobilteile, Kanister, Medizintechnik, Gehäuse, Verpackungen oder auch Haushaltsartikel benötigt werden.

Der GKV-Ausschuss für Marktforschung und Statistik erwartete Anfang dieses Jahres in seiner Branche ein Wachstum von 3,5 Prozent bis vier Prozent. Vor allem der Sektor Platten, Folien und Profile verbucht die steigenden Umsätze, während – wenig verwunderlich – Baubedarfsartikel ein Minus verzeichnen. Überall macht der Export das ökonomisch wichtigste Standbein aus. Während die Beschäftigtenzahl in den meisten Betrieben gehalten werden kann, werden Investitionen in der Regel nicht gewagt. Der Verband kritisiert vor allem einen nicht funktionierenden Wettbewerb bei den Energieversorgern, der zu eklatanten Verzerrungen in der Kunststoff verarbeitenden Industrie führt, denn die Spanne der Mehrkosten je Kilowattstunde, die von den Betrieben kalkuliert werden müssen, reicht von 20 bis 60 Prozent. Vor allem im Vergleich mit ausländischen Kunststoffverarbeitern sei das kritisch. Im Oktober teilte der GKV mit, dass lediglich fünf bis sechs Prozent der anfallenden Preissteigerungen an die Konsumgüterverbraucher weitergegeben werden können. Zudem sei der Werkstoff Polypropylen (PP) als wichtigstes Grundmaterial im Zuge weltweiter Ölpreiserhöhungen und realer Verknappungen allein von Juni bis Dezember 2005 um insgesamt 40 Prozent teurer geworden, „ein neuer historischer Höchststand“.

 

Der Markt gibt Schubkraft für Kunststoff

Vor diesem eher durchwachsen wirkenden Hintergrund, der für Euphorie so wenig Platz lässt wie für depressive Verstimmung, ist das junge Unternehmen Planet Commerce AG mit Sitz im Trierer Wissenschaftspark durchaus guter wirtschaftlicher Laune. Das von Richard Strupp und Peter Lebesmühlbacher geleitete Team aus insgesamt vier Projektmanagern startete im Frühjahr 2004 und nutzt zuvor gewachsene langjährige Branchenkenntnisse und Kontakte, um sich als international operierendes Kompetenznetzwerk für die Realisierung innovativer Kunststoffspritzgussteile zu platzieren. Mit Erfolg. Die Automobilzulieferer, mit denen Planet Commerce kooperiert, bekommen so die gesamte supply chain aus einem Guss, von der Forschung und Entwicklung über die Serienfertigung bis hin zu Finanzierungslösungen als Antwort auf die langen Projektlaufzeiten und die durch Basel II veränderte Finanzierungsbedingungen für Werkzeuge und Vorrichtungen. „Wegen der Gewichtsreduzierung und dem damit verbundenen geringeren Kraftstoffverbrauch geht der Trend eindeutig dahin, möglichst viele Elemente eines Autos aus Kunststoff statt aus Metall zu fertigen“, beschreiben Lebesmühlbacher und Strupp den weltweit unumkehrbaren Schub für ihre Branche. „Unsere Branche erwartet bis zum Jahr 2010 einen weiteren Anstieg des Einsatzes von Kunststoffen im Fahrzeugbau auf durchschnittlich 200 Kilo, das sind 16 Prozent Gewichtsanteil am Fahrzeug.“

Das Expertenwissen, mit dem Planet Commerce arbeitet, stammt nicht nur aus dem Trierer Pool oder aus der Vernetzung mit nationalen Unternehmen der Branche. In Mittel- und Osteuropa, China und Nordamerika sitzen weitere wichtige Partner für Formenbau und Serienproduktion, „während Deutschland nach wie vor Spitze ist bei Entwicklungen im Kunststoffbereich“. Die Globalisierung ist für die gesamte Industrie längst eine Selbstverständlichkeit, der allerdings die vorwiegend mittelständischen Unternehmen mangels entsprechender Managementressourcen und mangels internationaler Kontakte oft nicht gewachsen sind. „Hier können wir als Kompetenznetzwerk ansetzen und den Zulieferern Lösungen für die in der globalen Marktsituation veränderten Aufgaben bieten. Unsere Kunden haben so auch Zugriff auf den Wissenstransfer von Fachhochschulen und Universitäten.“

 

Stärke im Konzernverbund

Um bessere Verhandlungspositionen durchsetzen zu können, ist die Bitburger Firma RIKU 1995 den Verbund mit der Witte-Gruppe aus Velbert eingegangen, die für große Automobil- und Nutzfahrzeughersteller sowie für Systemlieferanten wie Webasto, Benteler oder Bosch entwickelt und produziert. So ist eine große Fertigungstiefe inklusive Oberflächen- und Stanztechnik möglich, wobei der Eifeler Standort, der 1988 gegründet wurde, von der anfänglichen Zulieferung für Elektrogeräte in den 1990er Jahren zur Automotiveindustrie wechselte. „Wir haben eine große und schnelle Anpassungsphase hinter uns, die notwendig war, weil wir in einem schnelllebigen Geschäft agieren“, erläutert Geschäftsführer Richard Eckertz. Die Entwicklungsarbeit, die Witte leistet, umfasst für ein Produkt bis zu drei Jahren – ohne direkten Umsatz zu generieren. Dann hat das Erzeugnis nur eine Laufzeit von fünf bis sieben Jahren, in denen es Gewinne einfährt. Das bringt eine Vorfinanzierungsbelastung mit sich, die ein Mittelständler allein im weltweiten Wettbewerb schwer schultern kann. „Zudem muss man Banken finden, die so spezialisiert sind, dass sie unsere Marktbedingungen und Partner kennen und das Risiko realistisch einschätzen können.“ RIKU hat investiert: In einem 1997 im Industriegebiet „Auf Merlick“ errichteten Gebäude werden die modernsten Technologien wie Gasinnendruck, 2K- oder Mehrkomponententechnologie angewendet. Die Eigenschaften verschiedener Kunststoffe und Verfahren sind hier miteinander kombinierbar, um somit den Anforderungen der Kunden in Funktion und Design gerecht zu werden.

Eckertz ist überzeugt: „Der Markt für Kunststoffe wächst. Auch wenn die deutsche Kaufzurückhaltung natürlich auch beim Autoabsatz spürbar ist, aber Potenzial gibt es vor allem im Export nach Asien.“ Doch die Kollegen mit Sitz im Reich der Mitte machten den Wettbewerb auch spürbar härter. „Sie schließen auch in punkto Innovationen auf.“ 

RIKU produziert vor allem für den europäischen Markt, und das „just in time“. Morgens um sechs Uhr kommen die aktuellen Abrufstückzahlen von den Kunden an, mittags muss die Ware ausgeliefert sein. „Da diese Schnelligkeit überall gefragt wird, nehmen Autokonzerne aus den USA oder Asien Kunststoffteile, die dort auch hergestellt werden.“

Ein Problem allerdings ist weltweit dasselbe: „Es gibt keine Alternative zum Grundstoff Erdöl, zudem gibt es zum Beispiel für Polycarbonat wenige Produktionsanlagen. Wenn von dort aus die Preise steigen, ist das kaum auf die Kunden umlegbar.“ Wenigen Anbietern gelinge es, Preisgleitklauseln in die Verträge mit großen Abnehmern einzubauen. Es werden, so Eckertz, anfangs so genannte lifetime conditions ausgehandelt, die bestehen bleiben, allen ökonomischen Wandlungen zum Trotz.

 

Rohstoff Öl verzerrt das Preisgefüge

Von einem regelrechten Oligopol bei den Rohstofflieferanten spricht sogar Hans-Dieter Meeth, Prokurist der Binsfelder Stelioplast GmbH. „Früher hatten wir die Wahl zwischen etwa fünfzehn Lieferanten, heute sind es vier oder fünf. Wir wurden in einem Jahr mit Preissteigerungen beim Polyäthylen von bis zu achtzig Prozent konfrontiert.“ Auch beim Hersteller von jährlich rund 30 Millionen Kanistern und Behältern etwa für Reinigungsmittel, Motoröle, Pflanzenschutzmittel oder Großpackungen der Pharmazie gilt: Die höheren Kosten sind nur begrenzt an die Kunden weiterzugeben. „Der Wettbewerb läuft bei uns vor allem über die Preise, da unsere Produkte stabil, zuverlässig und auf dem neuesten Stand der Technik sein müssen, aber kein großes Innovationspotenzial mehr beinhalten“, erklärt Meeth die Voraussetzungen seines Geschäftsfeldes. Da helfe nur strikte Reduktion von Fehlern und Ausschussware sowie hartes Kalkulieren. Stelioplast ist im Sektor der Behälter mit Fassungsvermögen von einem bis vierzig Litern einer der Marktführer in Europa, und Meeth hat eine positive Prognose für sein Metier. „Die Globalisierung ist für uns darüber hinaus kein entscheidendes Thema. Wegen der Transportkosten wären Lieferungen etwa aus China unsinnig, schließlich würde fast nur Luft mit viel Volumen bewegt.“ Durch den Formenbau im eigenen Haus kann Stelioplast sehr flexibel auf die Wünsche seiner Kunden eingehen und entwickelt neben Standardverpackungen auf Wunsch auch kundenspezifisches Design für einzelne Abnehmer. Probleme gibt es bei der Beschaffung von qualifizierten Kräften für die Bedienung der Produktionsanlagen, welche in einer zweijährigen innerbetrieblichen Ausbilden anlagen- und verfahrenstechnisch an ihre Aufgaben herangeführt werden. Einen gewissen Sog erstklassiger Fachkräfte in andere Regionen verzeichnen viele Unternehmen in vielen Branchen, die Kunststoff-Verarbeitung ist da keine Ausnahme.

Darauf macht auch Theo te Baay, Managing Director der Rauschert Oberbettingen GmbH bei Gerolstein, aufmerksam. „Vor allem die Familien von auswärtigen Topleuten, die wir akquirieren, tun sich schwer mit der sehr ländlichen Prägung.“ Dabei sei die Qualität, die Fehlerfreiheit der Produktion und das Know-how ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal in der Sache. Rauschert kann eine hohe Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen verzeichnen, Fluktuation gibt es kaum. „So lernt auch jede Führungskraft ihr Arbeitsfeld von der Pike auf, es sammelt sich sehr viel unersetzliche Erfahrung an.“ Da Rohstoff- und Energiepreise anziehen, müsse man alle eigenen Ressourcen ausschöpfen, um eine rentable Erzeugung zu fahren. Ein hoher Automatisierungsgrad bei gleichzeitig hoher Mitarbeiterqualifikation sei dafür die Grundlage, Ausschuss dürfe nicht vorkommen. Ein top Niveau werde von den Kunden als selbstverständliche Voraussetzung angesehen, „was im weltweiten Vergleich jedoch eine Fiktion ist. Die Zielvorgabe der Controller bei den Abnehmern, zu den Preisbedingungen von low cost countries höchste Standards zu erhalten, führt dann zu im Grunde unerfüllbaren Konditionen.“ Vergleichsmöglichkeiten hat te Baay etliche, denn insgesamt ist die Rauschert-Gruppe mit 1600 Beschäftigten an 17 Fertigungsstandorten in 14 Ländern aktiv und umfasst nicht nur die Produktion von technischen Kunststoffteilen, sondern auch von technischer Keramik, und Verfahrenstechnik. Außer in Deutschland gibt es bei der über 100-jährigen Traditionsfirma Fabriken in China, Indien, Italien, Spanien, Portugal, Dänemark, der Schweiz und den USA. In der Umsatzverteilung macht der Kunststoffsektor 12 Prozent aus, am Oberbettinger Standort vor allem mit Einsätzen und kompletten Elektronikgehäusen samt Schaltknöpfen und Tasten für Waschmaschinen und Spülmaschinen, die in individueller Feinabstimmung auf die Kundenbedürfnisse hergestellt werden.

Fast die gesamte Kunststoff verarbeitende Industrie hat es mit einem Phänomen zu tun, das angesichts weltweiter Distribution von Produkten schwer zu bekämpfen ist: Wer ein gutes Produkt auf den Markt bringt, muss binnen kurzem damit rechnen, dass seine Idee – vor allem in Asien – auf begeisterten Zuspruch von Plagiatoren trifft. Davor bietet den innovativen Unternehmen auch das Patentrecht, falls überhaupt ein entsprechender Schutz beantragt wurde, keine allumfassende Sicherheit. „Zur Zeit sind von unseren Produkten vierzig mir bekannte Raubkopien inklusive Logo-Nachahmung und Verweis auf unsere Website unterwegs“, schildert Jürgen Börner die Lage. „Das Kopierunwesen ist deshalb besonders schädlich, weil die Investitionen für die Innovationen bei den reguläre entwickelnden Unternehmen, wie wir es sind, immens hoch sind. Wir haben ein komplettes Innovationsmanagement implementiert.“ Sein vor fünfzig Jahren gegründeter und familiär geführter Betrieb in Landscheid-Niederkail produziert Haushaltsgeräte, die sozusagen Hightech auf mechanischer Ebene sind: Die Hobel, Gemüseschneider oder Nudelmaschinen und anderes kommen ohne Elektrik und Elektronik aus, sind dabei allerdings selbst für Profiküchen tauglich und verbinden Kunststoff-Elemente mit Edelstahl-Elementen. „Die Kombination mit selbst entworfenen Spritzgussformen und Edelstahl ist unsere spezielle Nische. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen halten wir am Produktionsstandort Deutschland fest.“ Das gelte auch angesichts der steigenden Rohstoffpreise für Metall und Kunststoff, die in seinem Segment so gut wie nicht weitergegeben werden können. Über höhere Automatisierungsgrade und Rationalisierungen – Personalabbau gehört jedoch nicht dazu – müsse das aufgefangen werden. Der Markt für Börners Waren liegt zu 75 Prozent im Export, dort insbesondere in so genannten Schwellenländer auf der ganzen Welt wie Mexiko und Brasilien, Indonesien oder Südafrika. Aber auch in Industriestaaten wie den USA und Japan sowie in Russland und China sind große Käuferschichten, wobei Marketing und Vertrieb nie über normale Kaufhäuser gehen, sondern via Internetshop, TV-Direktverkauf oder Straßenmärkte. Der Absatz in Deutschland stagniere derweil, während der Export so gut läuft, dass in letzter Zeit sogar zusätzliche Schichten gefahren werden mussten. Der Appell des weltoffenen Wahl-Eifelers Börner an die Mitbürger ist herzhaft: „Wir müssen hier endlich wach werden und unternehmerischer denken!“

 

Weckrufe in Richtung Politik

Das Bedürfnis, ein wenig Erhellung in die deutsche Landschaft zu bringen, teilt mit ihm Sabine Rademacher-Anschütz , Geschäftsführerin der apra-Gruppe, deren Firma apra-plast Kunststoffgehäuse-Systeme GmbH in Daun-Pützborn auch kleinere und mittlere Stückzahlen fertigt. Gesonderte Werkzeugkosten für die Kunden fallen dabei nicht an. Ähnlich wie die elm-plastic in Dudeldorf (vgl. Blickpunkt Wirtschaft 7/05) beliefert apra-plast unter anderem die prosperierende Sparte Medizintechnik. In jederzeit variierbaren Nischenprodukten – sehr  individuelle und vor allem in Fräs-Biege-Technik hergestellte Kunststoffgehäuse für elektronische Geräte – sieht Rademacher-Anschütz die besonderen Chancen für ihr Unternehmen. Dabei ist der Automationsgrad relativ gering und es ist sehr viel handwerkliches und feinmotorisches Geschick vonnöten. Daher sind hier die Personalkosten ein vergleichsweise bedeutsamerer Posten. So hat für Rademacher-Anschütz die Neuregelung zur Zahlung der Sozialversicherungsbeiträge besonderes Augenmerk verdient: Nicht wie üblich zur Mitte des Folgemonats muss ab Januar 2006 abgerechnet werden, sondern schon zum 27. eines Monats muss eine Proforma-Abrechnung erstellt werden, die später mit den genauen Daten korrigiert wird, denn Schätzungen sind nicht zulässig. „Dieser unsinnige Bürokratieaufwand ist zur Zeit ein größeres Problem als Rohstoffkosten oder Absatzmärkte. Uns entsteht dadurch ein überflüssiger Mehraufwand“, kritisiert sie die Kostenexplosion, die durch den Amtsschimmel verursacht wird. Die Preissteigerungen für Energie und Rohstoffe, so ist sie hingegen optimistisch, wird sie an ihre hoch spezialisierte Klientel weitergeben können. Der Absatz ist dank langjährig gewachsener Kundenbeziehungen EU-weit ebenfalls stabil, denn ihre Produktnische ist derart beratungsintensiv, dass sich die Abnehmer ungern auf Experimente einlassen, sondern auf bekannte Kompetenz setzen.

Angelika Koch

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